Gewinne heute sind Kosten von morgen

Gewinne heute sind Kosten von morgen
Photo by Chris Gallagher / Unsplash

Warum Gewinne nicht nur in Euro gemessen werden können

Versicherungen haben schon früh verstanden, die Schädigung der Umwelt ist schlecht fürs Geschäft. Daher investieren viele Versicherer heute sehr gezielt in nachhaltige Anlagen. 2024 waren in Deutschland rund 184 Milliarden Euro ihrer Kapitalanlagen ausdrücklich als nachhaltig klassifiziert. 91 Prozent der Versicherer verfolgen für ihre Kapitalanlagen ein Netto Null Ziel.
Ein Investment, das auf dem Raubbau an der Natur und der Ausbeutung von Arbeitskräften basiert, schmälert den Gewinn langfristig. Die Rendite einer Geldanlage darf nicht nur rein monetär betrachtet werden, sondern muss auch die langfristigen Kosten ihrer Auswirkungen auf Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft berücksichtigen.

Private Gewinne, Kosten für alle

Waldbrände, extreme Dürren und Überschwemmungen belasten Versicherungen und Staaten jährlich mit Schäden in Milliardenhöhe. Zwischen 2000 und 2021 entstanden in Deutschland mindestens 145 Milliarden Euro Schäden durch Extremwetter. Allein 80 Milliarden Euro davon seit 2018. Das Bundeswirtschaftsministerium betont, dass die zunehmende Häufigkeit und Intensität dieser Ereignisse direkt auf die Erderwärmung zurückgeht.

Wie gewaltig die Dimensionen sind, zeigte die Flutkatastrophe von 2021. Sie verursachte Gesamtschäden von über 40 Milliarden Euro. Davon waren gerade einmal 8,75 Milliarden Euro versichert. Den gigantischen Rest von bis zu 30 Milliarden Euro für Soforthilfe und Wiederaufbau mussten Bund und Länder über einen Sonderfonds schultern (und das bei nur einem Extremwetterereigniss).
Zum Vergleich gab der Bund im gesamten Jahr 2024 rund 28 Milliarden Euro im Kontext von Flucht und Migration aus. Und nicht nur das, die Klimakrise kann auch Migration verstärken. Die Weltbank bezeichnet den Klimawandel als einen zunehmend wichtigen Treiber von Migration und schätzt, dass bis 2050 bis zu 216 Millionen Menschen innerhalb ihrer eigenen Länder klimabedingt migrieren könnten. Klimaschutz kann also auch dazu beitragen, Fluchtursachen zu verringern und klimabedingte Migration zu begrenzen.

Auch schlechte Arbeitsbedingungen zeigen dieses Prinzip. Mangelnder Arbeitsschutz kann zunächst Kosten sparen. Gleichzeitig entstehen Arbeitsausfälle, Behandlungskosten, Produktionsunterbrechungen und Entschädigungszahlungen. Die Internationale Arbeitsorganisation schätzt die wirtschaftlichen Kosten mangelhaften Arbeits- und Gesundheitsschutzes auf rund vier Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung pro Jahr.
Solche gesellschaftlichen Folgekosten tauchen in keiner Unternehmensbilanz auf. Während unnachhaltig wirtschaftende Konzerne kurzfristig fette Gewinne einstreichen, werden die langfristigen Folgekosten häufig von Versicherungen, Gesundheitssysteme und Staaten getragen und damit letztlich auf Versicherungsnehmer und Steuerzahler verteilt.

Die unsichtbaren Schulden

Wenn Unternehmen unter dem Druck der kurzfristigen Gewinnmaximierung stehen, haben sie einen eingebauten Anreiz zur systematischen Kostenverschiebung (Externalisierung). Sie beuten Umwelt und Arbeitskräfte aus und häufen gigantische soziale und ökologische Schulden an, Nachhaltigkeitsschulden.

Der Gedanke dahinter ist nicht neu. Bereits der Ökonom Karl William Kapp beschäftigte sich in den 1950er Jahren mit den sozialen Kosten von Unternehmen. Seine Kernaussage besagt, dass Unternehmen im reinen Profitstreben dazu neigen, einen erheblichen Teil der tatsächlichen Produktionskosten nicht selbst zu tragen, sondern auf unbeteiligte Dritte, die Beschäftigten oder die Allgemeinheit zu verlagern.

Die Nachhaltigkeitsrendite

Dass es auch anders geht, beweisen die Pioniere der grünen Bankenwelt. Die GLS Bank verfolgt diesen Gedanken bereits seit ihrer Gründung im Jahr 1974. Als erste sozial ökologische Bank Deutschlands lenkt sie die Einlagen ihrer Kunden gezielt in Unternehmen und Projekte, die nach sozialen und ökologischen Kriterien ausgewählt werden. Die UmweltBank spricht sogar in ihren Berichten ganz bewusst von einer „ökologischen Dividende“. Sie rechnet vor, dass Geldanlagen nicht nur Zinsen abwerfen, sondern im Hintergrund messbare ökologische Werte schaffen müssen.

Der Umweltwirtschaftsbericht NRW zeigt wie konkret dieser Nutzen sein kann. Die dortige Umweltwirtschaft erzielt durch die Vermeidung von Umweltschäden und den Erhalt der Biodiversität eine jährliche ökologische Dividende von stolzen 28,9 Milliarden €.

Der Begriff Nachhaltigkeistrendite ist ein wissenschaftlich fundiertes Steuerungsinstrument, das vom Deutschen Institut für Urbanistik (Difu) gemeinsam mit der NRW.Bank und mehreren Partnerstädten entwickelt wurde. Die Nachhaltigkeitsrendite bricht mit der veralteten, eindimensionalen Sichtweise und steuert Investitionen über ein dreidimensionales Dashboard:

  • Die ökologische Dimension: Sie misst die direkte Umweltwirkung, wie CO2-Einsparungen und den Beitrag zur Erreichung der Pariser Klimaziele.
  • Die soziale Dimension: Sie bewertet gesellschaftliche Wohlfahrtseffekte, den sozialen Zusammenhalt, faire Arbeitsbedingungen und soziale Integration.
  • Die ökonomisch-haushalterische Dimension: Sie analysiert die echten Lebenszykluskosten und die langfristigen fiskalischen Auswirkungen.

Dieses Umdenken kommt auch real in den Finanzmärkte an. In der Schweiz sind Banken seit dem 1. Januar 2024 gesetzlich verpflichtet, die Nachhaltigkeitspräferenzen ihrer Kunden strukturiert abzufragen. Rund die Hälfte aller Anleger fordert heute schon aktiv, dass ihr Geld nach ökologischen und sozialen Standards angelegt wird.

Die Messbarkeit des Mehrwerts

Wie man diesen doppelten Mehrwert konkret in der Praxis berechnet, zeigt die Methode des Social Return on Investment (SROI). Sie ermittelt das Verhältnis zwischen dem gesellschaftlich-ökologischen Nutzen und den dafür eingesetzten Kosten.
Kommunen wie das Bezirksamt Pankow in Berlin nutzen SROI-Analysen bereits aktiv. Sie belegen damit, dass Ausgaben im Sozialraum keine reinen Konsumkosten sind, sondern messbare gesellschaftliche Werte schöpfen, vor allem durch die Vermeidung astronomischer sozialer Folgekosten, was die staatlichen Reparaturkassen der Zukunft massiv entlastet.

Was wollen wir unseren Kindern hinterlassen?

Rendite und Gewinn dürfen keine Variablen mehr sein, die nur den kurzfristigen monetären Profit im Blick haben. Diese kurzsichtige Sichtweise mag zwar im ersten Moment viel Geld bringen, hinterlässt aber langfristig verheerende Kosten für die gesamte Gesellschaft. Diese Folgekosten sind real und schmälern gesellschaftlich betrachtet die zuvor erzielten Gewinne.

Echte Wertschöpfung funktioniert anders. Grüne Banken beweisen bereits, dass eine ökologische Dividende im Einklang mit ökonomischen Zielen möglich ist. Wir dürfen eine Geldanlage nicht länger ausschließliche von ihrer monetären Wirkung betrachten.

Bringt eine Geldanlage, die den Raubbau an der Umwelt und Gesellschaft fortführt, langfristig wirklich Sicherheit und Wohlstand? Die entscheidende Frage ist deshalb, ob wir unseren Kindern mit unserem Vermögen Nachhaltigkeitsschulden oder eine Nachhaltigkeitsrendite hinterlassen wollen.

Quellen