CO₂-Fußabdruck ausgleichen per Depot?
Klimaschutz ist vielen Menschen wichtig. Laut Umweltbundesamt hat der Schutz von Umwelt und Klima für die Mehrheit der Bevölkerung weiterhin einen hohen Stellenwert. Gleichzeitig zeigt sich im Alltag, die Umsetzung ist oft gar nicht so einfach. Das kennt vermutlich jeder von sich selbst. Dabei gibt es einen Hebel, der deutlich einfacher umzusetzen ist: die eigene Geldanlage.
Wie wäre es, mit der eigenen Geldanlage den persönlichen CO₂-Fußabdruck auszugleichen?
Wie groß ist eigentlich mein CO₂-Fußabdruck?
Der CO₂-Fußabdruck versucht, die durch unseren Lebensstil verursachten Treibhausgasemissionen greifbar zu machen. Wohnen, Strom, Mobilität, Ernährung und Konsum werden dafür auf eine gemeinsame Größe heruntergebrochen, die CO₂-Äquivalente.
Der CO₂-Rechner des Umweltbundesamtes ist hierfür ein guter Ausgangspunkt. Seit 2008 stellt das Umweltbundesamt einen eigenen Rechner bereit, der sich nach Angaben des Amtes inzwischen als Standard zur Berechnung des persönlichen CO₂-Fußabdrucks in Deutschland etabliert hat.
Die Klimakrise ist kein individuelles Problem
Ausgerechnet der britische Ölkonzern BP machte den persönlichen CO₂-Rechner Anfang der 2000er-Jahre durch eine massive PR-Kampagne populär.
Die Bundeszentrale für politische Bildung bezeichnet den von BP verbreiteten Carbon Footprint Calculator ausdrücklich als Teil einer PR-Strategie. Die Verantwortung für den Klimawandel sollte weg von den großen Emittenten fossiler Energien und hin zum einzelnen Verbraucher verschoben werden.
Die bpb formuliert die Kritik daran ausgesprochen deutlich. Die Individualisierung könne dazu dienen, „von der gesellschaftlichen Verantwortung des Klimawandels abzulenken“.
Besonders brisant wird dies durch den Blick auf ExxonMobil. Interne Klimaprojektionen des Konzerns aus den Jahren 1977 bis 2003 waren erschreckend präzise und sagten die spätere Erwärmung exakt voraus. Öffentliche Aussagen des Unternehmens widersprachen teilweise den eigenen wissenschaftlichen Daten. Während man intern längst verstanden hatten, was das eigene Geschäftgsmodell für das Klima bedeutet streute man öffentlich Zweifel.
Wenn auch aus den falschen Gründen bekannt, können wir den Rechner dennoch für uns nutzen. Zu wissen, wieviel Tonnen CO₂ der eigene Lebensstil verursacht, schafft erst einmal Orientierung. Nur darf daraus nicht das Narrativ entstehen, die Klimakrise sei ein individuelles Problem.
Klimafreundliche Geldanlage als Teil der Rechnung
Eine spannende Neuerung findet sich unter der Rubrik Sonstiger Konsum. Dort gibt es nun das Feld Klimafreundliche Geldanlage. Hier kannst du investierte Euro-Beträge eintragen und deren positive Wirkung gegenrechnen lassen.
Dies ist nur als Größenordnung zu verstehen. Das Umweltbundesamt weist selbst darauf hin, dass sich klimafreundliche Geldanlagen erheblich voneinander unterscheiden und deshalb nur eine grobe Schätzung ihrer Klimawirkung möglich ist.
Beispiele mit konkreten Zahlen
Im Durchschnitt verursacht jeder Mensch in Deutschland pro Jahr rund 9,8 Tonnen CO₂-Äquivalente (CO₂e). Wie viel Geldanlage wären 9,8 Tonnen CO₂?
Der CO₂-Rechner setzt für eine klimafreundliche Geldanlage vereinfacht eine Einsparung von rund 200 Kilogramm CO₂e je 1.000 € an. Um rechnerisch auf die durchschnittlichen 9,8 Tonnen zu kommen, wären damit rund 49.000 € nötig.
Das Kompetenzzentrum Nachhaltiger Konsum, dessen Geschäftsstelle beim Umweltbundesamt angesiedelt ist, liefert Zahlen für die Finanzierung einer Windkraftanlage mit 4,8 Megawatt Leistung, rund 15 Millionen Kilowattstunden Jahresertrag und Herstellungskosten von 8,1 Millionen Euro.
Aus diesen Annahmen errechnet das Kompetenzzentrum eine Klimawirkung von rund 1.400 kg vermiedenes CO₂e pro 1.000 € Investment.
Eine andere Rechnung bietet die Umweltbank. Sie veröffentlichte 2018 noch ein anschauliches Beispiel für die Kunden Ihres Tagesgeldkontos. Je 1.000 € Einlage würden 226 kg CO₂-Äquivalente eingespart. (Mittlerweile gibt es diese Rechnung nicht mehr, da die UmweltBank ihre Kennzahlen auf die gesamte Bilanzsumme bezieht)
| CO₂-Wirkung (pro 1.000 €) | Betrag für 9,8 t CO₂e | |
|---|---|---|
| Windkraft | ca. 1.400 kg CO₂e | ca. 7.000 € |
| UmweltBank | ca. 226 kg CO₂e | ca. 43.400 € |
| CO₂ Rechner | ca. 200 kg CO₂e | ca. 49.000 € |
Rein rechnerisch würde eine Geldanlage von rund 7.000 € im genannten Windkraft-Beispiel beziehungsweise eine Spareinlage von rund 43.400 € nach der damaligen UmweltBank-Kennzahl also eine kompletten durchschnittlichen Jahresfußabdruck kompensieren.
Die Beispiele sind ausdrücklich nur illustrative Vergleiche, machen aber eindrucksvoll sichtbar, welche Größenordnung an CO₂-Emissionen eine Windkraftanlage vermeiden kann. Das Kompetenzzentrum weist selbst darauf hin, dass das tatsächliche Ergebnis deutlich abweichen kann. Kosten, Stromertrag und konkrete Ausgestaltung des Projektes beeinflussen die Rechnung. Auch die historische Zahl der UmweltBank lässt sich nicht einfach auf heute übertragen, da die Bank ihre aktuelle Kennzahl inzwischen auf die gesamte Bilanzsumme bezieht.
Ganz wichtig sei noch zu sagen: Eine direkte Beteiligung an einem einzelnen Windkraftprojekt bringt ein deutlich höheres Klumpen- und Projektrisiko. Eine solche Direktinvestition kann interessant sein, aber nur als kleinerer, risikobehafteterer Baustein innerhalb eines breit aufgestellten Portfolios.
Es geht nicht um eine exakte Zahl
Die genannten Beispiele zeigen vielmehr, wie unterschiedlich die Klimawirkung verschiedener Anlageformen sein kann. Gerade deshalb kann der CO₂-Rechner nur eine hilfreiche Orientierung bieten. Er arbeitet mit einer vereinfachten, verallgemeinerten Schätzung und berücksichtigt dabei unterschiedliche Formen klimafreundlicher Geldanlage. Dazu zählt das Umweltbundesamt unter anderem grüne Tagesgeldkonten, Sparbriefe mit Klima- und Umweltbezug, Beteiligungen an Erneuerbare-Energien-Projekten, Energiegenossenschaften und Nachhaltigkeitsfonds.
Die Berechnung des Bundesumweltministeriums basiert auf einer Studie von adelphi aus dem Jahr 2010, die verschiedene Formen der Geldanlage untersucht hat. Dafür wurden 50 Finanzprodukte aus unterschiedlichen Anlageklassen betrachtet. Das Ergebnis war, dass klimafreundliche Anlagen die mit dem investierten Kapital verbundenen Treibhausgasemissionen im Durchschnitt um rund 42 Prozent reduzierten.
Wie viel Nachhaltigkeit soll ins Depot?
Keine Frage, ein vollständig dunkelgrün ausgelegtes Portfolio schränkt die Diversifikation ein. Aber wie groß sollte der nachhaltige Anteil am Vermögen nun sein?
Genau hier kann der CO₂-Rechner eine interessante Orientierung bieten. Den eigenen jährlichen CO₂-Fußabdruck mit seiner Geldanlage auszugleichen, ist doch ein schöne Idee und ein guter Anfang.
Tatsächlich ist das eigene Depot einer der einfachsten und gleichzeitig wirkungsvollsten Hebel. Sich jeden Tag aufs Neue zu disziplinieren ist im oft stressigen Alltag unglaublich schwer. Zwischen dem Wunsch, umweltschonend zu leben, und der tatsächlichen Umsetzung klafft bei fast jedem von uns eine Lücke. Einmal bewusst investiert, kann dein Geld im Hintergrund für dich die Arbeit machen. Eine einmalig getroffene Investition oder angelegter Sparplan wirkt über Jahre hinweg ganz von alleine.
Niemand ist perfekt und deine Geldanlage muss es auch nicht sein, aber wir sitzen beim Klimawandel alle im selben Boot. Selbst ein kleiner Beitrag ist besser, als gar nichts zu verändern und setzt einen konkreten Schritt in die richtige Richtung.
Quellen
- Umweltbundesamt - Umweltbewusstsein und Umweltverhalten
- Bundeszentrale für politische Bildung - Klimaschutz im Alltag
- G Supran, S Rahmstorf, N Oreskes - Assessing ExxonMobil's global warming projections (2023)
- Der UBA-CO₂-Rechner für Privatpersonen
- Umweltbundesamt - Basisstrategien für nachhaltigen Konsum und ein klimaneutrales Leben
- Kompetenzzentrum Nachhaltiger Konsum - Klimawaage – Annahmen, Berechnungen und Quellen
- UmweltBank Geschäftsbericht 2018
- adelphi consult GmbH (2010) - Der Carbon Footprint von Kapitalanlagen
- Mark Kaufmann - The Carbon Footprint Sham